Soziale Marktwirtschaft 2.0: Made in Germany not by Marx
Marx lag falsch mit seiner Antwort auf die wichtige Frage: „Wo kommt der Gewinn her?“. Wir beantworten sie nicht ideologisch, sondern als ein Ingenieursproblem, eben Made in Germany. Die Antwort ist nicht: „Gewinn kommt aus der Ausbeutung der Arbeiter“, wie Marx meinte, sondern „Gewinn ergibt sich als Entlohnung für die Übernahme des Risikos von Produktion und Verkauf“. Aber Entlohnung ist nicht einseitig: Mit dem Gewinn muss dann auch der Schadensfall getragen werden, wenn also Produktion oder Verkauf nicht klappt. Ingenieursproblem heißt: Wir beweisen unsere Antwort auch und behaupten sie nicht nur, wie der unwissenschaftliche Kommunismus. Und wir liefern die Architektur der Software, die dieses System implementiert. Wir möchten zudem betonen: Unsere Antwort braucht keine Verhaltens- oder Rationalitätstheorie, etwa eine besondere Fähigkeit zur Berechnung der Zukunft. Wir brauchen keine Verhaltenstheorie, sondern nur die Arithmetik einer Buchhaltung: Plus und Minus mit natürlichen Zahlen 0, 1, 2, 3 usw. als Euro-Centbeträge. Wir brauchen dazu allerdings die sogenannte vierfache Buchhaltung, wo immer zwei verbundene doppelte Buchhaltungen einen Geschäftsvorfall buchen. Deshalb nennt man sie eben vierfache Buchhaltung. Nach dem Artikel wird klar, warum das notwendig ist.
Die doppelte Buchhaltung funktioniert immer – egal, welche Preistheorie, Investitions- oder sonstige optimierende Verhaltenstheorien den aufgezeichneten Entscheidungen zugrunde liegen. Sie ist immer konsistent, d. h. die Bilanz geht immer auf, wenn man beim Buchen von Soll an Haben auch tatsächlich Soll = Haben beachtet. Man muss immer den gleichen Betrag auf die Soll- und Habenseiten von T-Konten buchen; das ist alles, was zu beachten ist. Das ist das Geheimnis der doppelten Buchhaltung, seit 1494, als Pacioli zum ersten Mal die Prinzipien aufgeschrieben hat. Eine Zahl wird doppelt gebucht, in der vierfachen Buchhaltung viermal. Die Konstruktionen, die sicherstellen, dass die vierfache Buchhaltung konsistent ist, ergeben die Geldtheorie und die Verteilung des gemeinsam Produzierten. Das ist die Grundlage der unserer Meinung nach ersten konsistenten Geldtheorie. Wir nennen sie MoMaT – Monetary Macroeconomics Accounting Theory, eine Theorie der nationalen Buchhaltung. Sie kommt ohne eine Verhaltenstheorie aus; sie muss immer gelten, für alle Verhaltens- also ökonomischen Theorien. Deshalb nennen wir MoMaT auch die Axiomatik der Ökonomik. Ohne eine Buchhaltungskonsistenz auf der nationalen Buchhaltungsebene gibt es keine Ökonomik. Wie bisher.
MoMaT ist das Ergebnis von 70 Jahren Arbeit an einer Geldtheorie, die nun eben vorliegt. Renée arbeitet daran seit etwa 1989, seit seiner Dissertation und eigentlich seit ein paar Jahren im Studium davor. Viktor seit 1996, als er bei Martin Hellwig die Diagnose hörte: Die Ökonomik hat keine Theorie, was Geld ist. Als Volkswirte wollten wir uns nicht sagen, wir operieren in einer Wissenschaft, die ihren Kern nicht versteht. So weit die Geschichte; der Rest ist Legende, wollte man meinen.
Dieser Artikel ist die hoffentlich allgemeinverständliche Version der mathematisierten Version der MoMaT-Geldtheorie. Sie beginnt bei der Addition und Subtraktion natürlicher Zahlen in Buchhaltungen, T-Konten, Gewinn- und Verlustrechnungen und Bilanzen. Und sie endet in der sophistizierten Mathematik, mit der man heute Programmiersprachen versteht und entwirft, um Berechnungen zu beschreiben, also Software. Mit diesem Ansatz kann unsere Geldtheorie und der dazugehörige Compiler auch die Software der Geldsysteme beweisbar richtig aus ihrer Spezifikation berechnen, also implementieren, so dass diese bewiesen richtige Software dann richtig bucht. Aus der Theorie entsteht so das Modell, die Software, die die Geldsysteme dieser Theorie umsetzt. Aber hier sind wir schon in tiefem Fahrwasser. Wer will und wen es interessiert, kann alles in unserem Material zum Thema hier auf dieser Website nachlesen, inklusive eines 700-seitigen Buchs. Und Geld interessiert jeden. Weil es um unsere Arbeitsteilung, unsere Risikoteilung und – mit unserem System – auch um eine berechenbare Teilung des gemeinsam Produzierten geht.
Nun also von Anfang an. Was war genau die Frage von Marx? Wo kommt der Gewinn her? Wo ist das Problem? Das Problem beginnt in folgender Situation. Ein Unternehmer möchte ein Produkt herstellen. Dazu braucht er, sagen wir, Arbeit und Ressourcen. Kapital wie Maschinen denken wir uns mal als Ressourcen, wie z. B. auch Land. Der Unternehmer muss diese Produktionsfaktoren Arbeit und Ressourcen bezahlen, weil sie sich nicht am Risiko der Produktion beteiligen möchten. Sie wollen sofort Geld sehen, zu Recht. Das Risiko besteht darin, dass die Produktion nicht gelingt, dass niemand das Produkt haben will oder dass es durch ein anderes ersetzt wird. Dieses Risiko des Ressourcenverbrauchs ohne Ertrag trägt der Unternehmer, nicht der Arbeitnehmer und auch nicht der Landbesitzer. Das ist das Problem.
Und was hat Marx übersehen? Folgendes: Der Unternehmer bekommt von einer Bank eine anfängliche Finanzausstattung, ein Guthaben auf einem Girokonto gegen einen Kredit, sagen wir 100 Euro. Dafür verpflichtet er sich, den Kredit zurückzuzahlen, sagen wir in drei Jahrestranchen von 33 Euro. Gestehen wir dem Unternehmer nun auch einen Gewinnaufschlag von 7 Euro auf 40 Euro zu – aus gutem Grund, wie wir später sehen –, dann ergibt sich ein Problem in einer so genannten geschlossenen Volkswirtschaft. Eine geschlossene Volkswirtschaft ist eine, in der Konsumenten und Ressourcenlieferanten derselbe Personenkreis sind. Welche Personen haben wir in unserem Beispiel? Die Ressourcenbesitzer, die Arbeitsanbieter und der Kapitalist. Der Kapitalist schöpft die Gewinne des Unternehmens ab und konsumiert. Das Unternehmen konsumiert nicht. Es produziert nur die Konsumgüter, hier aus Arbeit und Ressourcen. Die Bank konsumiert der Einfachheit halber auch nicht, macht keine Gewinne und ist kostenlos – eine Art Bierdeckel, wer wem was schuldet. Das Unternehmen schuldet der Bank die Rückzahlung des Kredites, die Konsumenten schulden dem Unternehmen den Kaufpreis. Das war's. Nicht mal Zinsen brauchen wir zunächst, um das Geschehen zu erklären.
Wir haben also drei Haushalte – Arbeit, Ressourcen, Kapitalist –, die konsumieren, was die Produktion mit Hilfe des anfänglichen Kredits herstellt. Zu beachten ist: Wir reden hier über Sektoren einer Volkswirtschaft, nicht über einzelne Haushalte oder Produzenten, sondern über die Gesamtheit der Haushalte, Produzenten und Banken, auch wenn wir oft Agent oder Haushalt sagen. So weit, so klar. Nun das wirkliche Problem: Die 100 Euro zahlt das Unternehmen an den Arbeits- und Ressourcenhaushalt. Das Unternehmen möchte mit Gewinnaufschlag jedes Jahr 40 Euro erwirtschaften, aus dem Verkauf der Produkte. Das konkrete Problem: Die 100 Euro sind bei Arbeit und Ressourcen nach 2,5 Jahren aufgebraucht. Wo kommen also die restlichen 20 Euro her (= 3 x 40 - 100)? Das ist mit „Wo kommt der Gewinn her?“ gemeint.
Marx hatte darauf keine Antwort, bzw. meinte, er komme aus der Ausbeutung der Arbeit. Wir haben nun nach allen Regeln der Kunst bewiesen, dass die Antwort im Prinzip einfach ist. Wobei wir später sehen werden, dass es konkret gar nicht so einfach ist, nur dem Prinzip nach. Was auch erklärt, warum es erst jetzt, mit der modernsten Mathematik, möglich ist, das Prinzip zu identifizieren und konkret zu lösen.
Was ist also die einfache Erklärung des Problems? Nach einem Jahr, in dem das erste Investitionsprojekt läuft, beginnt ein zweites. Ebenfalls, sagen wir, drei Jahre lang. Nach zwei Jahren beginnt ein drittes. Nach drei Jahren ist das erste Projekt zu Ende und ein weiteres beginnt. So haben wir es mit überlappenden Projekten zu tun, die zu verschiedenen Zeitpunkten beginnen und enden. Und damit entstehen im zweiten Jahr neue Sichtguthaben, die zur Bezahlung des Konsums und des Gewinns verwendet werden können, vor allem eben auch die 20 Euro, die bei Marx „fehlten“ und die eben NICHT aus der Ausbeutung von Arbeitnehmern resultieren. D. h. Arbeitnehmer können, müssen aber nicht ausgebeutet werden, damit der Kapitalismus funktioniert.
Die überlappenden Investitionsprojekte in unterschiedlichen Unternehmen sind das, was aus der arbeitsteiligen Organisation unserer Wirtschaften notgedrungen folgt. Sie ist die Organisationsform der modernen Volkswirtschaften. Das zu bemerken war Adam Smiths große Leistung und markiert den Beginn der Volkswirtschaftslehre. Wobei die Frage der Haushaltsführung schon bei Aristoteles beginnt, im Begriff des Haushalts und seiner Führung: Oikos und Oikonomia. Adam Smith stellte noch eine weitere Frage: Wie wird das gemeinsam Produzierte unter den Leuten verteilt?
Um das zu beantworten, müssen wir genauer klären, was Risiko ist und wie es getragen wird. Risiko verschwindet nicht, sondern muss getragen und verteilt werden. Dazu sind die Banken da. Und der Gewinn. Die Arbeitnehmer tragen kein Risiko, sie werden sofort bezahlt. Worin besteht das Risiko? In der ertraglosen Verwendung von Ressourcen und Arbeit. Sie kostet, bringt aber keine Erlöse, wenn sich das Risiko realisiert – wenn also Produktion und Verkauf nicht gelingen. Die Folge: Der Ressourcenverbrauch muss als Konsum abgeschrieben werden, eben als Verbrauch, der keinen Ertrag bringt. Aus dem Ertrag bezahlt der Unternehmer den Kredit, mit dem er die risikoscheuen Faktoren entlohnt hat. Sie sind zu Recht risikoscheu: In der arbeitsteiligen Wirtschaft macht es keinen Sinn, dass die Arbeiter regelmäßig das Risiko des Unternehmens tragen, in dem sie beschäftigt sind. Wenn sie wollen, können sie sich immer noch beteiligen oder selbst ein Konkurrenzunternehmen gründen und es besser und billiger machen. Als Standardfall muss der Lieferant der Produktionsfaktoren sofort entlohnt werden. Das ist die Bühne für einen meist missverstandenen Akteur der Wirtschaft.
Der Zins. Kein Schuft, sondern eine Risikoprämie. Wie bei einer Versicherung. Die Investoren im Silicon Valley arbeiten genau so: Investiere in 10 Startups. 9 gehen bankrott, das Investment ist futsch, aber 1 Startup geht durch die Decke. Dieses Risiko des Ausfalls muss der Zins decken. Der Gewinn des Investors. So weit, so einfach.
Allerdings gibt es auch da ein jahrtausendealtes Problem: Geld, das Geld verdient, oder anders gesagt der Zinseszins. Wenn man allein durch Warten Geld verdient, ohne Risiko zu übernehmen, stimmt etwas nicht in der wirtschaftlichen Logik und vor allem in den Anreizsystemen. Geld verdient man durch Geld, wenn man es auch verlieren kann. Sprich: wenn man Risiko übernimmt. Nicht nur durch Abwarten und Teetrinken. Auf dem Herrschaftssitz. Das ist unfair. Wer, wie in der Ökonomik üblich, Zinsen als Entschädigung für Geduld ansieht, steht schon mit einem Fuß in der Hölle der Finanzkrisen und der Gesellschaftszerrüttung: Warten vermehrt dann Geld. Das macht keinen Sinn, wenn dabei kein Risiko übernommen wird. Das ist dann ein tatsächlich böser Kapitalist. Wobei auch da zu beachten ist: Ein gutes Spiel besteht nicht aus guten Spielern, sondern aus guten Regeln. Wer mag es anderen verdenken, wenn sie schlechte Regeln ausnutzen. Wir müssen die Regeln ändern und nicht die Regeln ausnutzenden Spieler verteufeln. Das macht keinen Sinn. Im Gegenteil, das Ausnutzen der Regeln ist notwendig, um das Problem aufzuzeigen, dem dann aber eine Regeländerung folgen sollte. Dazu dient MoMaT.
Dass ein Kapitalist Gewinne macht, ist nichts Unanständiges. Das muss so sein, weil der Unternehmer bzw. Kapitalist als Eigentümer der Unternehmung die erste Schicht der Risikoabsorptionshierarchie ist. Zuerst fahren Unternehmer Gewinne ein. Und wenn sie fehlinvestieren, falsche, nicht nachgefragte Produkte bauen, schrumpft der Gewinn wieder, als Abschreibung. Ganz normal. So weit, so gut.
Hat das Unternehmen zu geringe Gewinnrücklagen, etwa weil es erst in der Gründung ist, dann muss die Bank die Mittel bereitstellen, das Geld. Verrechnet sich die Bank, investiert sie nur in erfolglose Unternehmen oder berechnet sie ihre Versicherungsprämie – den Zins als Risikoprämie – falsch, dann geht sie pleite. Hat sie nicht genug Eigenkapital, also zurückbehaltene Gewinne, muss die Zentralbank einspringen und die Bank retten oder abwickeln. Das ist dann die Funktion des Lenders of Last Resort bzw. im reinen Papiergeldsystem des Providers of First Liquidity. Das macht die Sache mit der Risikoübernahme nicht ganz so einfach wie oben angedeutet. Die Bankenhierarchie vom Unternehmer über die Banken bis zur Zentralbank ist ein hierarchisches System der Risikoabsorption. Zuerst ist der Unternehmer selbst gefragt, dann die Banken, dann die Zentralbank. Die Zentralbank wiederum kann nicht pleite gehen, sie ist die ultimative Risikoabsorptionsschicht der Gesellschaft bzw. des Währungsraums. Sie druckt das Mittel, mit dem man sich endgültig entschuldet. Das macht die Verrechnung von Risiken, Zahlungen und Rückzahlungen so schwierig. Wir haben es mit einer Hierarchie von Risikoabsorption zu tun.
Ein Girokonto enthält kein Geld. Es ist nur eine Referenz, ein Dokument, ein digitaler Kontostand. Er zeigt an, über wie viel Bargeld der Kontoinhaber höchstens verfügen kann. Entweder als Auszahlung in Geldscheinen am Bankomat. Oder als Überweisung, mit der er dieses Verfügungsrecht über Bargeld einem anderen Geschäftspartner übertragen kann. Die Banken wiederum haben ebenfalls Girokonten, bei der Zentralbank. Das nennt man üblicherweise Reserven. Auch das ist ein Recht, über Bargeld zu verfügen. Die Banken können es als Kassenhaltung im Tresor liegen haben, als Geldbündel. Oder sie können es selbst über die Zentralbank überweisen, also Verfügungsrechte über Bargeld, an eine andere Bank. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, denn sie begründet letztlich die Kaskaden der Risikoübernahme. Nur Bargeld entschuldet endgültig. Geht meine Bank vor der Überweisung pleite, dann wird mein Geschäftspartner zu Recht Bargeld oder ein Verfügungsrecht über Bargeld auf anderem Weg verlangen. Das ist das mathematische Problem, das Modellierungs- und Implementierungsproblem: diese Verschuldungs- und Entschuldungsvorgänge durch Zahlungen zu verstehen und zu implementieren und konsistent zu halten.
Welche Schulden meinen wir? Nicht nur Schulden aus einem Kredit. Bei jedem (zweiseitigen) Geschäftsvorfall entstehen Schulden: beim Fahrradkauf die Schuld des Fahrradbesitzers, das Fahrrad zu liefern, und im Gegenzug die des Käufers, üblicherweise Geld zu liefern – Bargeld oder Verfügungsrechte als Girokontoguthaben. So entstehen bei praktisch allen Kauf-, Miet-, Arbeits- und ähnlichen Verträgen Schulden, die mit dem Abschluss des Tauschvorgangs durch Erfüllung wieder gelöscht werden. Bei Investitions- und Kreditverträgen entstehen Bargeldschulden zwischen heute und morgen.
An dieser Stelle muss man sich eine weitere Überraschung unserer Geldtheorie klarmachen: Nur Papiergeldsysteme sind stabil. Goldgedeckte sind es nicht. Warum das? Wir sind es gewohnt, auf diese Frage zu antworten: „Ja, aber nur Gold ist etwas wert, Papier ist doch nichts wert.“ Das mag in Zeiten vor funktionierenden Rechtssystemen richtig gewesen sein, aber heute haben wir einklagbare Rechte, und wer schon mal den Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen hatte, weiß, worum es sich dabei handelt. Zudem muss man sich an dieser Stelle auch nochmal klarmachen, was wir mit Bargeld machen: Wir entschulden uns final aus den Schuldverträgen unserer tauschbasierten Wirtschaft. Wenn es also viel zu tauschen gibt, viel Aktivität in der Wirtschaft, ist das gut, und wir brauchen viel Geld. Wenn das Underlying des Bargeldes, Gold, begrenzt ist, haben wir ein Problem, wenn das gebrauchte Volumen steigt. Das ist der Grund, warum nur unendlich herstellbares Bargeld spekulationsresistent ist. Nur dann lohnt es sich nicht, auf ein Ende der Bargelderzeugung zu spekulieren. Draghi hat mit seinem „Whatever it takes“ allein durch diese Bemerkung die Spekulationswellen 2012 gegen die EZB beendet. Stabil. Dazu muss die Zentralbank es einfach drucken. Da der Vorgang des Gelddruckens und der Buchung des neuen Bargeldes der einzige (!!!) Vorgang ist, der nur ein doppeltes Buchhaltungssystem betrifft, nämlich das der Zentralbank, sieht man auch, dass das die Zentralbank nicht unendlich reich macht. Zusammen mit dem Verständnis, dass der Zins eine Risikoprämie ist und die Zentralbank unendlich viel davon drucken können soll, ergibt sich ein neues Verständnis, was die Aufgaben einer Zentralbank sind. Nicht Konjunktursteuerung durch Änderung eines Zinses, sondern nur Festlegung des Bonitätsstandards, der bei Investitionen einzuhalten ist, und Sicherstellung des Zahlungsverkehrs. Mehr nicht. So sind sie im Übrigen auch entstanden, als reine Clearing- und Settlementstellen zwischen Banken, nicht als allmächtige Konjunktursteuerungsinstanzen. Dahin werden sie auch wieder zurückkehren, wenn allgemein verstanden ist, was Geld und damit Zins ist.
Am hierarchischen Bankensystem wird auch klar: Die Abwicklung und Liquidation einer Bank ist ungleich schwieriger als die eines pleite gegangenen Unternehmens. Bei einem Unternehmen muss jemand einen Geldbetrag in Höhe der fehlgeschlagenen, nicht zurückgezahlten Investition abschreiben. Damit ist auch klar: Schulden sind nicht grundsätzlich zurückzuzahlen. Dazu gibt es Versicherungen. Wer unbedingte Rückzahlung verlangt, der verlangt eine moderne Form der Sklaverei. Bei einer Bank, die pleite geht, muss auch abgeschrieben werden, aber zusätzlich werden die nicht problematischen Kredite auf andere Banken oder Risikoträger – auch Unternehmen können das – umverteilt. Das liegt daran, dass Unternehmen quasi die Blätter des Schuldenbaums der Wirtschaft sind und Banken die Astverzweigungen. Wenn die Äste verschwinden, müssen ihre Blätter an andere Äste gehängt werden – die grünen, intakten Blätter; manche verschwinden mit, die ausgetrockneten, die pleite gegangenen Investitionsprojekte.
Aus dieser Architektur ergibt sich noch eine weitere, die Geldtheorie verkomplizierende Einsicht. Die einzige geschlossene Volkswirtschaft, die es gibt, ist die Weltwirtschaft. Alle anderen sind tatsächlich offen. Manche Güter kommen aus dem Ausland, manche gehen ins Ausland. Auch Investitionen sind grenzüberschreitend. Was bleibt, ist die zentrale Größe der Volkswirtschaftslehre: die Summe aller Gläubiger (ihrer verliehenen Beträge) und die Summe aller Schuldner (ihrer Schulden). Diese beiden Summen müssen gleich sein. Die Welt als Ganzes ist NICHT verschuldet – gegenüber wem auch? Nicht wegen einer bestimmten Verhaltens- oder Rationalitätsannahme, sondern als arithmetische Gewissheit. Zu jedem Schuldner gibt es einen Gläubiger. Das ist logisch nicht anders denkbar. Erstaunlicherweise wussten das schon die Venezianer, als sie um 1400 die Buchhaltung entwickelten. Sie sprachen von „zu jedem Schuldner einen Gläubiger“. In unseren Konzepten sprachen sie also von vierfachen Buchhaltungen; erst dort taucht diese Größe auf. Zwischen den doppelten Buchführungen.
Das Erstaunliche ist nicht, dass sie es wussten, sondern dass es bis zu unserer Geldtheorie niemand mathematisch gefasst hat. Als doppelte Buchhaltung – eines Unternehmers, eines Haushalts – ist das kaum formalisiert worden. In einigen wenigen wissenschaftlichen Publikationen zwar, aber nicht die sogenannte vierfache Buchhaltung, die hinter jeder Geldtheorie stehen muss. Was ist die vierfache Buchhaltung? Einfach nur ein System doppelter Buchhaltungen, die miteinander verbunden sind. Also die nationalen Buchhaltungssysteme. Die Verbindungen bestehen aus gemeinsamen Konten. Wie das? Das Girokonto eines Unternehmens taucht in seiner Buchhaltung als T-Konto auf, als Bankguthaben auf der Aktivseite. Es ist ein Guthaben. Dasselbe T-Konto bzw. derselbe Stand taucht bei der girokontoführenden Bank als Passivkonto auf. Gleicher Stand, aber auf der Passivseite bei der Bank. Das ist eine Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Unternehmen.
Dasselbe gilt für die Kreditkonten: passiv beim kreditnehmenden Unternehmen, aktiv bei der kreditgebenden Bank. Auch die Banken sind untereinander mit Girokonten verbunden: Guthaben der einen Bank bei der anderen gegen Verbindlichkeit auf der anderen Seite. Ebenso die Reserven, also die Guthaben der Banken bei der Zentralbank. Diese Guthaben müssen nun, wenn man eine Geldtheorie aufstellt, gegeneinander aufgerechnet und auch programmiert werden. Die Spezifikation muss sicherstellen, dass die Software, die das Zahlungs- und Buchungsgeschäft abwickelt, diese Invarianzen einhält – also die arithmetischen Gleichheiten. Beim Buchen darf nicht passieren, dass sie vorher stimmen und nachher nicht. Das ist nicht trivial. Denn man muss die Hierarchien beachten und unterscheiden, welches Konto zu welchem Gegenkonto gehört und über welche Hierarchieebene wir sprechen – bei Millionen von Haushalten, Tausenden von Banken und Hunderttausenden von Unternehmen. Ein Unternehmen hat dabei zum Teil Zehntausende T-Konten pro doppelter Buchführung, eine Holding eine vierfache Buchführung mit den doppelten Buchführungen ihrer Tochterunternehmen, eine ganze Volkswirtschaft eine vierfache Buchhaltung. Ganz zu schweigen von der gesamten vierfachen Buchhaltung der Weltwirtschaft. Man kann sich vorstellen, dass man da mit linearer Algebra nicht mehr hinkommt – obwohl Buchhaltung eigentlich nur lineare Algebra ist. Plus und Minus natürlicher Zahlen, selten mal eine Multiplikation. Zur Strukturierung und Sicherung der Konsistenz braucht es dann die abstrakteste und deshalb mächtigste Mathematik: die Modularisierungsmathematik der Mathematik selbst, die Mathematik des Programmiersprachendesigns und deren Compiler, die nun in der MoMaT die Mathematik der Volkswirtschaftslehre wird. Das ist kompliziert, aber die Prinzipien kann, denken wir, jeder verstehen. Und jeder muss sie verstehen. Dazu dient dieser Artikel. Schließlich geht es um unsere Arbeit, unser Risiko und unsere gemeinsame, zu verteilende Produktionsleistung. In einer Volkswirtschaft. Und am Ende der ganzen Welt.
Die Zentralbanken kontrollieren die Geldschöpfung, können also beliebig viel Bargeld drucken. Damit kontrollieren sie die Verteilung des gemeinsam Produzierten. Lassen sie sich das aus der Hand nehmen, entsteht die moderne Form der Ausbeutung: von Nationen durch andere Nationen. Das geschieht durch Verträge, die auf ausländische Geldeinheiten lauten, so dass die Zentralbank nur noch damit beschäftigt ist, diese ausländischen Geldeinheiten durch Drucken der eigenen Geldeinheiten zu beschaffen. Diese Mechanismen zu verstehen ist der zweite Teil der Arbeit unserer Geldtheorie, die nun auf den ersten Teil der Arbeit folgt. Das wird nicht wieder 70 Jahre dauern. Da nun eigentlich alles klar ist und die vierfache Buchhaltung und Geldpolitik der Zentralbanken nur noch in dieser Fragestellung anzuwenden ist.
Weil eine Geldtheorie bisher fehlte, war es ein Leichtes, diese Prozesse der Umverteilung in und zwischen Volkswirtschaften im Verborgenen zu halten – für die, die sie verstanden. Unsere Arbeit steht also in der Tradition der Aufklärung: Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit bzw. dem Verlust der Souveränität der Zentralbanken. Hier als Anspruch an die Zentralbanken, die die Arbeitsteilung durch Geld sowie durch Risiko- und Gewinnverteilung organisieren.
Zusammenfassend plädieren wir dafür, die Architektur unserer Geldsysteme zu verstehen – sie ist sophistiziert, aber noch nicht perfekt implementiert und ausgebaut, weil noch nicht ganz verstanden. Es ist ein Leichtes, darüber zu schimpfen und den Kapitalismus abschaffen zu wollen. Ihn zu verstehen und zu verbessern, ist ungleich schwieriger. Hier ist unser Versuch und Beitrag dazu. Der Rest ist menschengemacht – kein deterministischer Gang der Geschichte, kein Automatismus, der den Kapitalismus zum Sozialismus überwindet. Wobei: Wenn man einen perfekten Kapitalismus, der sinnvoll private Güter (rivalisierend und ausschließbar: Zahnpasta, Autos etc.) und öffentliche Güter (nicht rivalisierend, nicht ausschließbar: Sicherheit, Umweltschutz) produziert, Sozialismus nennen möchte – sei's drum. Wir sollten auf keinen Fall die beiden Seiten gegeneinander ausspielen: die Unternehmer, die Risiko tragen, 24/7 arbeiten, pleite gehen können und den gesellschaftlichen Ruin vor Augen haben, und die Arbeitnehmer, die berechtigterweise keine Lust auf Risiko haben, aber ebenfalls Unternehmer werden können. Das hat weder der Kapitalismus als Erfindung der vorhergehenden Generationen noch die Menschen darin verdient. Wer „Tod dem Kapitalismus“ skandiert, sollte bedenken, dass er damit auch „Tod dem Kapitalisten“ meint. Aber wer soll dann das Risiko übernehmen? Auch im Dschungel ist es riskant. Das Risiko des Lebens und Überlebens verschwindet nicht. Das ist der Deal in dieser Welt und nicht im Paradies – wie langweilig wäre das.
Weiterführende Links
- Geldtheorie — kürzeste Zusammenfassung des axiomatischen Rahmens
- Axiomatik / MoMaT — das Forschungsprogramm und offene Fragen
- Finanzarchitektur — Giralgeld, Reserven, Bargeld (G → R → C)
- Magic Sauce — Topos-Dreieck und lokale Open Games
- Verwandte Forschung — Ostrom und die drei Institutionenebenen
- Technologie — die drei Ebenen für CFOs und Treasurer
- Beweise — die MoMaT-Beweise
- Kabbalah und Ökonomie — Kapitalismus als A-R-G (Arbeit, Risiko, Gewinn)
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